Der Ortsverband von Bündnis90/Die Grünen hatte zu einer Führung durch den Maienwald eingeladen.
Unter der kompetenten Leitung des ehemaligen Revierförsters Tilman Preuss erkundete eine interessierte Gruppe den Naturwald. Dieses Waldstück am äußersten, südlichen Ende des Main-Tauber-Kreises ist ein echtes Juwel. Das Herzstück wurde bereits ab 1930 naturbelassen und darf sich jetzt mit Fug und Recht Ur-Wald nennen. Unter stattlichen Eichen, Buchen und Fichten liegen mächtige, vom Wind gefällte Bäume, die ein Habitat für seltene Pilze, Pflanzen und Tiere zur Verfügung stellen. Die Fichten sind prächtig und gesund, Borkenkäfer haben sie zwischen all den anderen Bäumen wohl nicht finden können. Wahrscheinlich sind sie auch durch die Nachbarn vor allzu großer Trockenheit geschützt. Denn der Waldboden kann sehr viel mehr Wasser aufnehmen, wenn er nicht durch schwere Maschinen verfestigt wurde. Das dichte Kronendach lässt kaum Licht und damit weniger Wärme durch, so dass das kostbare Nass im Boden gespeichert bleiben kann. Im Ur-Wald ist es dunkel: es gibt wenig Unterholz und keine Sträucher, denn diese können ohne Licht nicht gedeihen. Es herrscht selbst im heißesten Sommer ein angenehm kühles Klima vor, dazu trägt auch die Verdunstung des Blattwerks bei. Durch all die Baumriesen, die hier seit Jahren liegen, fühlt es sich abenteuerlich an und ohne Führung könnte man sich leicht verirren.
An dieses Waldstück schließen sich zwei unterschiedlich behandelte Flächen an. Hier wütete 1990 der Sturm Wiebke. Die umgestürzten Bäume bildeten ein wildes Mikado, das undurchdringlich war. Beide Bereiche wurden seit damals sich selbst überlassen, allerdings wurde der eine Teil zuvor geräumt und der andere durfte so wild bleiben, wie er war. Im „Mikadowald“ ist nichts mehr von der Verheerung zu erkennen, einige Baumleichen liegen noch so stark mit Moos überwachsen da, dass der Baum darunter kaum noch zu erkennen ist. Der Wald hat sich mit mächtigen Birken, Buchen und Fichten erneuert. Wenig Unterholz, keine Brombeeren. Anders sieht es im ehemals geräumten Teil aus. Dieses Waldstück ist dichter mit vielen dünnen Bäumen bewachsen, die sich gegenseitig den Raum streitig machen. Der Wald hat sich ganz anders entwickelt als sein Nachbar.
Zu guter Letzt wurde ein Waldstück besucht, das erst vor kurzem aus der Bewirtschaftung genommen wurde. Hier findet sich ein dichtes Gestrüpp aus Brombeeren und Unterholz. Einige Bäume sind noch als „bevorzugt“ markiert, im bewirtschafteten Wald würde man nach und nach diesen Eichen oder Buchen Raum verschaffen, indem man die Nachbarn entfernt. Hier wird jetzt aber nicht mehr eingegriffen, mal sehen wie es sich entwickelt.
In Deutschland lag der Anteil an Naturwäldern 2019 bei 2,8% der Waldfläche, im Rahmen der nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt sollen 5% der Wälder aus der forstlichen Nutzung genommen werden. Der Maienwald bei Niederstetten / Schrozberg ist so ein Naturwald. Herr Preuss, bis vor kurzem Förster in diesem Revier, hat uns die Schönheit dieses Waldes nahegebracht.
Würde es Sinn machen alle Wälder in Deutschland zu Urwäldern zu machen? Für die Klimabilanz sind Urwälder kein Pfund. Was die alten Bäume an CO2 durch zusätzlichen Wuchs aufnehmen geben die toten Bäume wieder an die Atmosphäre ab. Die meisten Wälder sollten bewirtschaftet bleiben, denn nur damit ergibt sich eine positive CO2 Bilanz. Holz, das entnommen und zu Möbeln und Häusern verbaut wird, kann den darin enthaltenen Kohlenstoff noch lange speichern. Das Holz, das dann nachwächst, nimmt CO2 aus der Luft. Und Holz ist ein wichtiger nachwachsender Rohstoff, den wir nicht ersetzen können. Auf der anderen Seite sind naturbelassene Wälder einzigartig und ein wertvolles Biotop, sie speichern mehr Wasser als bewirtschaftete Wälder und bieten Raum für seltene Pflanzen und Tiere. Sie sind ein wichtiger Baustein für den Klima- und Naturschutz. Also hat beides seinen Platz.